Ausbeutung in der Landwirtschaft: Saisonarbeiter kämpfen um faire Bedingungen und Schutz
Philipp FischerAusbeutung in der Landwirtschaft: Saisonarbeiter kämpfen um faire Bedingungen und Schutz
Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft sehen sich weiterhin harten Bedingungen ausgesetzt: Berichte über extreme Arbeitszeiten, illegale Lohnabzüge und menschenunwürdige Unterkünfte häufen sich. Das Problem verschärft sich, da staatliche Kontrollen nachlassen und die Branche immer höhere Anforderungen stellt. Trotz gesetzlicher Schutzbestimmungen bleibt die Durchsetzung lasch – Tausende Beschäftigte sind so der Ausbeutung schutzlos ausgeliefert.
2023 waren rund 243.000 Saisonkräfte in der deutschen Landwirtschaft beschäftigt. Doch die genaue Zahl und Herkunft dieser Arbeitsmigranten bleibt unklar, was die Aufsicht zusätzlich erschwert. Zwar halten sich manche Betriebe an die Regeln, doch dokumentierte Missstände deuten auf ein tief verwurzeltes Problem im gesamten Sektor hin.
Arbeiter leisten oft bis zu 70 Stunden pro Woche und leben unter unwürdigen Bedingungen. In Hessen wurde ein Frachtcontainer mit nur 15 Quadratmetern für über 2.000 Euro monatlich vermietet. Auch Lohnbetrug kommt vor: Bei manchen Gehaltsabrechnungen wurden fast 1.000 Euro unrechtmäßig einbehalten.
Die Situation spitzt sich durch steigende Produktivitätsvorgaben weiter zu. 2024 mussten Arbeiter 11 Kilogramm Spargel pro Stunde ernten – 2025 stieg das Soll auf 14 Kilogramm, was viele an ihre körperlichen Grenzen bringt.
Staatliche Kontrollen gingen drastisch zurück: von knapp 1.200 im Jahr 2020 auf nur noch 274 im Jahr 2024. Gleichzeitig ermöglichte eine Politikänderung im Januar die Verlängerung sozialversicherungsfreier Kurzzeitbeschäftigung von 70 auf 90 Tage pro Jahr. Damit sind die Arbeiter noch schlechter abgesichert.
Der Deutsche Bauernverband fordert nun einen 20-prozentigen Abschlag auf den Mindestlohn für ausländische Saisonkräfte – gestützt auf eine umstrittene Rechtsauffassung. Doch die reformierte Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU könnte ein Gegenmittel bieten: Landwirte, die gegen Arbeits- oder Sicherheitsvorschriften verstoßen, müssen mit Kürzungen ihrer EU-Subventionen rechnen.
Die Kombination aus schwacher Kontrolle, steigenden Anforderungen und Branchenlobbyismus hält Saisonarbeiter in prekären Verhältnissen. Bei weiter sinkenden Inspektionen und ausgeweiteten Ausnahmen droht die Ausbeutung noch weiter zuzunehmen. Die GAP-Reformen der EU könnten zwar ein Mittel sein, um Betriebe zur Rechenschaft zu ziehen – doch nur, wenn sie konsequent umgesetzt werden.






